Hierbei handelt es sich um ein gelöschtes Kapitel aus dem Buch IMUA Reise ins Urvertrauen, das am 17.11.25 veröffentlicht wurde. Falls du das Buch noch nicht gelesen hast, kannst du es hier bestellen, es wird dir helfen, den Kontext zu verstehen:
3. Waimanu Valley (Big Island vor der Reise)
Die Freundschaft mit Farm-Boy Peter vertieft sich, als wir gemeinsam ins Waimanu-Tal wandern. Neben unseren vielen Roadtrips ist dies eines der verrücktesten Abenteuer, die wir zusammen erlebt haben. Mit dem Auto ist eine vollständige Umrundung der Big Island nicht möglich, denn im Norden, zwischen dem Pololu Valley und dem Waipio Valley, gibt es sieben Täler – darunter das heilige Waimanu Valley –, die nur zu Fuß zu erreichen und völlig von der Zivilisation abgeschnitten sind.
Wir stellen mein Auto auf dem Parkplatz am Ende der Honokaa-Waipio-Road ab und wandern mit schwer beladenen Rucksäcken zunächst die steilste Straße Amerikas hinunter ins Waipio-Valley. Dort müssen wir den ins Meer mündende Wailoa Fluss überqueren. Das Wasser reicht uns bis zur Brust. Damit unser Gepäck nicht nass wird, halten wir es über unseren Kopf und bemühen uns, trotz starker Strömung und steinigem Untergrund das Gleichgewicht zu halten. Unser Ziel ist es, am westlichen Ende des Tales auf dem schwarzen Sandstrand unser Nachtlager aufzuschlagen, um noch vor Sonnenuntergang den steilen Zickzackweg des Muliwai Trails zurückzulegen.
Früh am nächsten Morgen brechen wir auf und erklimmen die erste Steilwand, die sich fast senkrecht aus dem Tal erhebt. Ich merke rasch, dass mein Gepäck viel zu schwer ist. Die Aktion ist spontan zustande gekommen und anstatt mich im Vorfeld vernünftig mit Wasserfilter und Hängematte auszurüsten, wandere ich mit Wasser und Essen für vier Tage, einem Zelt, einer Luftmatratze und einem Schlafsack. Dass mich diese Wanderung an meine Grenzen bringen wird, erkenne ich bereits während der ersten zwei Stunden.
Nachdem wir den ersten Steilhang gemeistert haben, nehmen wir ein leichtes Frühstück zu uns, während wir zum Sonnenaufgang einen spektakulären Blick aufs Waipio Valley geniessen. Danach geht es in den Wald hinein und wir sind der gleissenden Sonne nicht mehr so stark ausgesetzt. Der Entscheid, so früh aufzubrechen, war goldrichtig. Von da an schlängelt sich der Pfad durch elf kleinere Täler, bergab und wieder bergauf über freiliegende Bergkämme und durch üppigen Regenwald. Mit klopfenden Herzen, brennenden Beinen, von Mücken zerstochen und komplett nass geschwitzt, folgen wir den steilen und unerbittlichen Serpentinen und durchqueren insgesamt 13 Bäche. Mehrmals halten wir an, um unsere schweren Rucksäcke abzusetzen, unsere müden Füsse in einen kalten Bach zu halten, oder uns unter einem Wasserfall abzukühlen.
Als wir schließlich mit vor Erschöpfung zitternden Beinen am Anfang des letzten, noch steileren Abstieg ins Waimanu Valley stehen, werde ich vom Leben ernsthaft geprüft. Peter, der so aufgeregt ist, dass wir es ‚bald‘ geschafft haben, flitzt voraus und überlässt mich meinem Schicksal. Ab Hubschrauberlandeplatz 4 gibt es nur noch einen rutschigen, kaum gepflegten Pfad, der an vielen Stellen gefährlich nah am Abgrund vorbeiführt. Ich bin so erschöpft, dass ich mir Support gewünscht hätte. Doch von Peter fehlt jede Spur.
Es bleibt mir nichts anderes übrig, als mich mit wackeligen Beinen an den Abstieg zu machen. Zu allem Überfluss fängt es auch noch an zu regnen. Der Zustand des Schlammpfades verschlechtert sich schneller als mir lieb ist. Es gibt kein zurück. Ich muss es noch vor Einbruch der Nacht ins Tal hinunter schaffen, sonst habe ich ein ernsthaftes Problem. Einmal will ich mich kurz hinsetzen, um einen Moment zu verschnaufen, da krabbelt mir ein Hundertfüssler über den Weg. Fiese, giftige Biester. Also doch keine Pause.
Ich muss mich ganz schon voranpeitschen und habe nur noch einen Wunsch: Den viel zu schweren Rucksack loszuwerden und mich hinzulegen. Und genau das habe ich vor, als ich kurz vor Sonnenuntergang endlich im Tal ankomme. Doch zu meinem Entsetzen kann ich mich nirgends hinlegen. Auf meiner Seite des Waimanu Stream gibt es nur grosse, runde Steine, man kann sich nicht mal entspannt hinsetzen. Ich beisse die Zähne zusammen und stelle mich der letzten grossen Herausforderungen: Einen weiteren reissenden Fluss zu durchqueren. Als das geschafft ist, mache ich mir nicht erst die Mühe, nach Peter Ausschau zu halten. Ich stelle mein Zelt auf und gönne meinen erschöpften Füssen und dem verspannten Rücken die wohlverdiente Pause.
Erst am nächsten Tag kommt es bei mir an: Ich bin im Waimanu Valley. Es fühlt sich an, als hätte ich eine längst vergessene Welt betreten. Das sanfte Morgenlicht lässt die Klippen smaragdgrün leuchten, ein fernes Rauschen der Wassserfälle dringt durch den mystischen Nebel an mein Ohr. Der Hawaiianischen Legende zufolge war das Waimanu Valley einst Heimat der Wächter der Vorfahren, die das Land beschützten. Die mächtigen Geister sind auch unter dem Namen „Aumakua“ bekannt.
Übersetzt bedeutet Wai manu ‚Fluss der Vögel‘. Hier stürzen majestätische Wasserfälle über 300 Meter von den dicht bewachsenen Talwänden herab. Da der Weg sehr anspruchsvoll ist, haben wohl mehr Menschen das Tal von einem Helikopter aus erkundet als zu Fuss.
Fernab von Handyempfang in diesem Paradies zu sein, ist ein grossartiges Gefühl. Weit weg von allem, rückt der Alltag in undefinierbare Ferne und man kann ungestört in die kraftvolle Energie dieses Tals eintauchen. Hier herrscht noch die Natur, einer der letzten Orte, wo man die raue Wildnis von Hawaii erleben kann. Die nächsten zwei Tage spielten wir Tarzan und Jane und erkunden die fast unberührte Natur dieses magischen Tals.
Wir finden einen riesigen Wasserfall, in dem wir unsere abgekämpften Glieder erfrischten. Vom Mana des Wasserfalls aufgeladen, fühlen uns anschliessend gereinigt und erfrischt. Zum Dank an das heilige Tal lege ich ein paar schöne Blumen auf einen Stein vor dem Wasserfall. Dann versuchen wir weiter ins Tal vorzudringen, doch das ist nicht leicht, denn das Gelände ist stark überwuchert. Das nächste Mal bringen wir eine Machete mit, nehmen wir uns scherzend vor. Als wären wir auf einer einsamen Insel gestrandet, machen wir uns auf die Suche nach Nahrung. Wir finden Kokosnüsse, Bananen und ein paar Mangos.
Als sich ein Sturm ankündigt, beschliesen wir, unser Abenteuer einen Tag früher als geplant abzubrechen. Hawaiis Täler können sich innert Minuten stark verändern und das Wetter schnell in sintflutartigen Regen umschlagen. Das Risiko, im Tal festzusitzen, weil Sturzfluten das Überqueren der vielen Bäche unmöglich machen, ist zu groß.
Auf dem Rückweg sind wir viel zügiger unterwegs, da wir um viele Kilos leichter sind. Es gelingt uns, trotz des aufkommenden Sturms unbeschadet aus dem Tal herauszukommen.
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Aloha Sharon Makana



