Die Sahara-Reise konnte starten. Die Flüge waren gebucht, die Details mit meinen Berberfreunden vor Ort ausgearbeitet und das Geld gewechselt. Doch drei Wochen vor Abflug erfuhr ich, dass Marokko die Grenze wieder geschlossen hatte und meine Reise nicht stattfinden konnte.
Heiße Wellen purer Intensität strömten durch meinen Körper. Tief durchatmen, die Welle surfen, du schaffst das, Babe. Der Gedanke, wie ich es meinen Teilnehmenden erklären sollte, erinnerte mich stark an die Frage, die meinen Sohn länger beschäftigt hatte („Wie sag ich’s meinem Chef?“) und ich musste lachen. Plötzlich konnte ich nicht mehr anders, als zu lachen. Ein Lachanfall schüttelte mich und ich begann, mich in die neue Situation hineinzulehnen. Ok, keine Sahara-Reise. What’s next? Ich begann, dem Leben und der geplanten Reise Fragen zu stellen, und öffnete mich für vollkommen neue Möglichkeiten, die ich bis dahin noch nicht in Betracht gezogen hatte.
Innerhalb der nächsten 24 Stunden stellte ich eine komplett neue Reise auf die Beine und konnte meinen Gästen eine Alternative anbieten. Raunächte in der Sinai-Wüste. Mein Beduinenfreund hatte oberspontan mitgezaubert, und zu meinem großen Erstaunen meinten alle: „Ich schaue es mir an und gebe dir Bescheid.“ Der Bescheid war dann einstimmig. „Die neue Reise fühlt sich sogar noch besser an, ich bin dabei.“ Ich konnte es kaum glauben. Aufgrund von Quarantäneregeln und Corona-Fällen gab es dann noch einen Tanz von Ab- und wieder An- und wieder Abmelden. Aber daran habe ich mich inzwischen gewöhnt. Ich weiß auch, dass das Leben dafür sorgt, dass schlussendlich genau die richtigen Menschen für so eine tiefe, transformierende Reise zusammenkommen.
Kurz vor der Reise hatte ich erst wenige Anmeldungen und durchlebte einen dieser giftigen Zweifelmomente. Kennst du das, wenn du anfängst, den Wert deiner Arbeit oder sogar deinen eigenen Wert als Mensch an der Anzahl der Teilnehmenden zu messen? Letztes Mal hatte ich zwölf Anmeldungen, dieses Mal nur vier. Bin ich jetzt also 30 % weniger wert? Oder stimmt etwas mit meinem Angebot nicht? Müsste ich es anders präsentieren? Oder sollte ich mehr Werbung machen? Oder ist es zu teuer? Warum brauchen wir es eigentlich dauernd, dass andere uns validieren? Crazy!
Nachdem ich die Reise in den Sinai verlegt hatte, kam mir der Gedanke, dass eine liebe Freundin, die damals gerade in Dahab weilte, auch mit uns reisen wird. Ich rief sie an, um nachzufragen, ob sie Interesse hat. Sie meinte, sie habe aktuell keinen Impuls, mitzukommen. Obwohl ich sie und uns in der Wüste innerlich klar vor mir sah, ließ ich es dabei bewenden und vertraute darauf, dass alles im Flow war.
Ein paar Tage vor der Reise rief sie mich an und bat mich, ihr ein paar Sachen aus der Schweiz mitzubringen. Wir verabredeten uns für unseren Ankunftstag in Dahab. Sie wollte uns Gipfeli an den Strand bringen. Als ich sah, wie sie ihr Fahrrad mühsam durch den Sand auf uns zuschob, wusste ich, dass meine Bilder wahr werden würden. Sie hatte am Tag zuvor eine schwere Krise mit ihrem Partner durchgemacht und brauchte dringend einen Ort, um Dinge zu klären und zu ordnen, sowie Menschen um sich herum, die es ihr ermöglichten, sich fallen zu lassen und wieder ganz sie selbst zu sein.
Kurze Zeit später gestand sie mir im Café Al Ahram, dass sie sehr gerne mitkommen wollte, sie habe aber keinen warmen Schlafsack und auch sonst nicht viele warme Kleidungsstücke. Ich fragte in die Runde, ob alle bereit wären, ihr auszuhelfen. Die Gruppe nahm sie warmherzig und sehr großzügig auf, und wir alle teilten alles miteinander, was wir dabei hatten. Sie packte ihre Sachen und reiste eine Stunde später im vollbeladenen Bus mit uns in die Wüste.
Was auf dieser Reise entstand, war auf vielen Ebenen sehr heilsam. Und es wurde schnell sichtbar, warum es so wichtig gewesen war – für sie wie auch für uns –, dass sie dabei war.
Das Universum tanzt nach einer Choreografie, die unser Verstand nicht fassen kann. Wenn wir uns vertrauensvoll darauf einlassen, können wir nur gewinnen.
