Hierbei handelt es sich um ein gelöschtes Kapitel aus dem Buch IMUA Reise ins Urvertrauen, das am 17.11.25 veröffentlicht wurde. Falls du das Buch noch nicht gelesen hast, kannst du es hier bestellen, es wird dir helfen, den Kontext zu verstehen:
2. Die Lektionen von Spirit: Arbeitslos
(Big Island vor der Reise)
„Es sieht nicht gut aus für dich, Makana“, sagt der Assistentmanager von Sunset Cruises hämisch zu mir und drückt mir meine zweite Verwarnung zum Unterschreiben in die Hand. Noch eine und ich fliege raus. Glaube ich zumindest.
Die erste Verwarnung habe ich kassiert, weil ich in meiner Freizeit Anrufe meines Arbeitgebers nicht entgegengenommen habe. Manchmal nehme ich mir die Freiheit, in meiner knapp bemessenen Freizeit das Handy zu Hause zu lassen, um ungestört wertvolle Zeit mit meinem Sohn verbringen zu können. Am genannten Tag war ich eingeteilt auf Abruf für die Nachmittagsschicht bereit zu stehen. Als ich um 12 Uhr nach Hause kam, um zu sehen, ob ich arbeiten musste, fand ich 17 verpasste Anrufe aus dem Firmenbüro vor. Als ich zurückrief, um mich nach dem Grund zu erkundigen, teilte man mir mit, ich hätte am Morgen für einen kranken Mitarbeiter einspringen müssen. Da ich nicht ans Telefon gegangen war, wurde ich ins Büro beordert, um eine Abmahnung zu unterschreiben. Ich war fassungslos. Bedeutete Freizeit nicht, dass ich selbst bestimmen konnte, wie ich sie verbringen wollte?
Diesmal werde ich verwarnt, weil ich in der Mannschaftskabine kurz auf meinem Handy nachgesehen habe, ob mit meinem Sohn, der krank allein zu Hause ist, alles in Ordnung ist. Während unserer Arbeit als Deckshelfer und Rettungsschwimmer ist es uns untersagt, unsere Handys zu benutzen. „Leg sofort dein Handy weg!“, schreit Jack mich an, als er mich hinter verschlossener Tür beim Nachrichtenlesen erwischt.
Der narzisstisch veranlagte Assistentmanager würde über Leichen gehen, um auf der Karriereleiter ganz nach oben zu kommen. Und er nutzt die zweiwöchige Abwesenheit seines Chefs dazu skrupellos aus. Er erniedrigt, manipuliert und mobbt, um die Hierarchie auf dem Katamaran für alle deutlich zu machen.
Es passt ihm überhaupt nicht, dass ich die Frechheit besitze, ihm etwas entgegenzusetzen. Wahrscheinlich, weil ich zu mir und meinen Prioritäten stehe, statt zerknirscht den Kopf zu senken. „Mann, ich habe auf eine weitere Ladung Geschirr gewartet und nur kurz nachgesehen, ob mein kranker Sohn alleine zurechtkommt.“ Zugegeben, meine genervte Reaktion war vielleicht etwas heftig.
Ich hätte meine Haut wahrscheinlich retten können, wenn ich unterwürfig gesagt hätte: „Tut mir sehr leid, du hast recht, das hätte ich nicht tun dürfen. Bitte verzeih mir.“ Sein überdimensionales Ego hätte sich in seiner Überlegenheit geschmeichelt gefühlt, und er hätte mir gnädig verziehen. Aber diese Szene bringt mein Fass zum Überlaufen. Ich habe es satt, mit anzusehen wie er mich und meine Mitarbeiter behandelt. Er benutzt mich als Exempel und lässt mich vor versammelter Mannschaft die Abmahnung unterschreiben. Sein Grinsen verrät die Schadenfreude eines machthungrigen Menschen, der es genießt, andere zu schikanieren. Ich sehe ihm an, dass er es kaum erwarten kann, mich zu feuern. Nicht, weil es einen Grund dafür gäbe, sondern einfach weil er es kann.
Zurück am Pier schrubbe ich mit dem Rest der Crew auf den Knien den Boden des Unterdecks, als er sich vor mir aufbaut und schleimig grinsend sagt: „Du kannst jetzt gehen. Du brauchst nicht wiederzukommen.“ „Wovon redest du?“, frage ich und stehe mit der nassen Bürste in der Hand auf. „Das war deine letzte Schicht bei Sunset Cruises.“ „Du hast kein Recht, mich zu entlassen. Dafür müsste ich erst ein drittes Mal verwarnt werden.“ „Das wird niemand erfahren“, gibt er triumphierend zurück. Während er diesen Moment in vollen Zügen auskostet, starren ihn meine Kollegen fassungslos an. Ich bin nicht allzu schockiert, von ihm habe ich nichts Besseres erwartet.
Ironischerweise habe ich heute einem Gast das Leben gerettet. Bei der Entscheidung, mich zu entlassen, scheint das jedoch nicht ins Gewicht zu fallen. Es war einer dieser typischen „Baywatch“-Momente, wie man sie sonst nur aus kitschigen Hollywoodfilmen kennt. Ich war auf dem Oberdeck zum Burger grillen eingeteilt. Meine Kollegen halfen den Gästen am Heck des großen Katamarans beim Anlegen der Schnorchelausrüstung und erleichterten ihnen den Einstieg ins Wasser. Zwei meiner Kollegen paddelten auf einem Surfbrett umher, um die Schnorchler, die in einem klar abgegrenzten Bereich hinter dem Boot schwammen, zu beaufsichtigen.
Die Hitze des Grills trieb mir den Schweiß ins Gesicht, und ich beschloss, mir unten an der Bar ein Glas Wasser zu holen. Gerade als ich wieder aufs Oberdeck zurückkehren wollte, stürmte eine Frau schreiend vom Bug des Schiffes in den Barbereich: „Mein Mann, Hilfe! Mein Mann ertrinkt!“ Ohne zu zögern riss ich mir die Schürze vom Leib, schnappte mir eine Rettungsboje, rief der Barfrau zu, sie solle mir meine Flossen ins Wasser werfen, und sprang ins Wasser. Der Mann kämpfte bereits um sein Leben. Da er ausserhalb der erlaubten Zone schwamm, konnten ihn meine Mitarbeiter nicht sehen. Obwohl der Ausdruck ‚schwimmen? Der Situation nicht gerecht wurde: Bei dem kläglichen Versuch, seinen Kopf wieder an die Oberfläche zu bringen, schlug er wild um sich und schluckte dabei Wasser. Er war offensichtlich in Panik und nicht mehr Herr seiner Sinne. Es hätte nicht viel gefehlt, und er wäre ertrunken.
Ich packte den 120 Kilogramm schweren Mann von hinten, drehte ihn auf den Rücken und schob ihm die Boje unter die Arme. Nur mit Mühe konnte ich ihn über Wasser halten, denn er kämpfte verbissen weiter. „Beruhigen Sie sich bitte. Legen Sie sich auf den Rücken und lassen Sie mich Ihnen helfen.“ Doch meine Worte drangen nicht durch seine weit fortgeschrittene Panik. Zum Glück flogen im nächsten Moment meine langen Flossen aus dem Fenster. Während ich ihn mit einem Arm festhielt, zog ich mit der anderen Hand meine Flossen an und redete weiterhin beruhigend auf ihn ein.
„Versuchen Sie, ruhig zu atmen. Alles wird gut. Ich bringe Sie jetzt zurück zum Boot. Bitte versuchen Sie sich zu entspannen. Mit den Flossen an den Füßen hatte ich nun genug Kraft, um den beleibten Mann in Richtung Leiter zu ziehen. Er begann sich gerade etwas zu beruhigen, als Ron, einer meiner Arbeitskollegen, aus dem offenen Fenster sprang. Er hatte von der Barfrau erfahren, was los war, und eilte mir zu Hilfe. Das war zwar gut gemeint, aber unnötig. Als er sah, dass ich die Situation bereits unter Kontrolle hatte, wandte er sich wieder seinen Aufgaben zu.
Ich zog den verängstigten Gast zum Heck des Katamarans und half ihm, die Leiter hinaufzuklettern. Seine Frau bereitete ihm einen hochdramatischen und etwas unbeholfenen Empfang. Auch sie war außer sich, denn sie hatte die ganze Szene zitternd vom Boot aus beobachtet. Nachdem ich den Mann mit Decken, heißem Tee und dem dringenden Rat versorgt hatte, sich beim Verlassen des Bootes ärztlich untersuchen zu lassen, bedankten sich beide gefühlt eine Million Mal und steckten ein großzügiges Trinkgeld in die Tip-Box. Leider kam ich nicht mehr in den Genuss dieser Wertschätzung, da ich noch am selben Tag von Bord gejagt wurde.
Man sollte meinen, die Geschäftsleitung oder der Assistent der Geschäftsleitung würden sich für meinen Einsatz dankbar zeigen. Doch weit gefehlt. Sie entlassen mich, weil ich das „schlimme Vergehen” begangen habe, mich nach meinem Sohn zu erkundigen.
Natürlich ist es darum nie gegangen. Ich lasse mich vom Kapitän nicht einschüchtern und das wirkt sich auch auf die Crew aus. Manche Mitarbeiter haben mir erzählt, dass er sie schon seit Jahren schikaniert. Aus Angst, den Job zu verlieren, hat sich bisher niemand gewehrt. Ich lasse mir das nicht gefallen und bezahle meinen Preis.
Traurig verabschiede ich mich von meinen Kollegen und gehe über die Rampe von Bord. Eine Weile stehe ich wie gelähmt da und beobachte, wie das geschäftige Treiben auf dem Katamaran weitergeht, als wäre nichts geschehen. Es tut weh, denn vom energieraubenden Verhalten des Kapitäns mal abgesehen, habe ich meine Arbeit geliebt. Ich habe mich lebendig und auf großartige Weise herausgefordert gefehlt. Es hat Spaß gemacht, bei hohem Wellengang Cocktails auf der Treppe des schaukelnden Schiffes zu balancieren und die Sonnenuntergänge, von Kais hawaiianischer Live-Musik begleitet, zu bestaunen. Malika, der Geschichtenerzählerin, habe ich immer gern zugehört und viel über die hawaiianische Kultur von ihr gelernt. Beim frühmorgendlichen Einrichten des Schiffes habe ich den spiegelglatten türkisfarbenen Ozean bewundert. Die Delfine haben ganz in der Nähe den erwachenden Morgen begrüßt und während der Fahrt zum Schnorchelplatz sind sie oft auf den Wellen des Schiffes gesurft.
Es ist kein einfacher Job, aber die körperliche Betätigung auf dem Meer und die kontinuierliche Weiterentwicklung meiner Fähigkeiten waren für mich Motivation genug, um über die schlechten Arbeitsbedingungen und die miserable Bezahlung hinwegzusehen. Ich versuche immer noch, das eben Geschehene zu verarbeiten. Es ist nicht das erste Mal, dass ich in Hawaii von einem Tag auf den anderen auf der Straße stehe – und das gilt sowohl für Wohnungen als auch für Jobs.
Während ich den Schock verdaue, schlendert Jack betont lässig über die Rampe auf mich zu. Was will der denn jetzt? „Alles in Ordnung?“, fragt er heuchlerisch. Uuuuääähhh, ernsthaft jetzt? Ich starre ihn nur an, unfähig, meiner Fassungslosigkeit über seinen unpassenden Auftritt Ausdruck zu verleihen. „Was guckst du mich so blöd an?“, versucht er es erneut mit Konversation. Endlich finde ich meine Stimme wieder. „Mann, ist das dein Ernst? Du bist der letzte Mensch, mit dem ich reden will.“ „Oh … Du willst mir doch nicht unterstellen, dass deine Situation irgendetwas mit mir zu tun hat?“ Was zum Teufel … ???!!! Mir wird übel. „Ich war von Anfang an immer super nett zu dir.“ Ah ja, genau. Würg. „Ich mache nur Dienst nach Vorschrift. Das ist Standardprozedur, so läuft das nun mal.“ Ich glaube, ich muss mich gleich übergeben. Endlich fasse ich mir ein Herz und werde deutlich: „Du bist so ein Arsch! Halt einfach die Klappe.“ Interessiert versammeln sich alle Besatzungsmitglieder am Heck und beginnen, aufgeregt zu tuscheln. „Komm schon, Makana. Dir muss doch klar sein, dass du dir diese Scheiße selbst eingebrockt hast“, fährt er mit einem teuflisch süßen Lächeln fort. „Jack, du bist die hässlichste Klapperschlange, der ich je begegnet bin.“ Es reicht ihm nicht, seinen Sieg zu genießen. Er dreht das Messer gerne noch ein wenig in der Wunde um. Kann mir bitte jemand diesen Widerling vom Hals schaffen, bevor ich ihm ins Gesicht spucke?
Eine Woche später, als Stan, mein Chef, vom Festland zurück ist, bitte ich ihn um ein Gespräch. Trotz seines vollen Terminkalenders nimmt er sich die Zeit, mit mir einen Kaffee zu trinken und sich meine Version der Geschichte anzuhören. Er ist ein großartiger Mensch: fair, ehrlich und loyal. Er bedauert, wie die Dinge gelaufen sind, sieht aber keine Möglichkeit, das Geschehene rückgängig zu machen. In unserem sehr offenen Gespräch rate ich ihm, ein wachsames Auge auf seinen hinterhältigen Assistenten zu haben. Er nimmt sich meine Warnung zwar zu Herzen, kann aber nicht verhindern, dass dieser seine Tyrannei weiter ausbaut.
Einige Monate später erzählt mir Stan, dass auch er entlassen wurde. Mit 62 Jahren, nachdem er sein halbes Leben in diese Firma investiert hat. Jack hat es mit viel List geschafft, ihn aus der Führungsposition zu drängen – das war sein Ziel von Anfang an.
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Ausserdem hast du die Möglichkeit, Makana auf ihre magischen Reisen zu begleiten. Alle Infos findest du unter Reisen und Retreats auf www.sharonmakana.com
Aloha Sharon Makana

