Fragen zu stellen, kann Leben retten

Thailand, Dezember 2004: Ich lebte mit meinem Baby in einem kleinen Bungalow direkt am Strand von Maenam auf Koh Samui. Mein Sohn war gerade einmal 6 Monate alt. Ohne Alimente und ohne finanzielle Grundlage kam für mich ein Leben in der Schweiz nicht in Frage. Am wichtigsten erschien mir, Zeit zu haben, um mit meinem Sohn zu sein und ihn kennenzulernen. Ich wollte das Wunder, das er war, feiern und für ihn da sein. Ich wollte entspannt und glücklich sein.

So hatte ich ihn im Alter von drei Monaten nach Thailand entführt. Eigentlich wollten wir nach Koh Tao. Eine Thailandkennerin hatte uns jedoch davon abgeraten, da gäbe es nicht mal ein Spital. Kein Ort, um mit einem Baby ein neues Leben anzufangen. Koh Samui gefiel mir nicht wirklich. Nach einigen Wochen fing ich an, uns einen neuen Ort zu suchen, an dem wir uns wirklich zu Hause fühlen konnten. Krabi erschien am Horizont. Die vielen Reisenden, denen ich in unserer Bungalowanlage begegnet war, schwärmten alle. Mich rief ein Ort, der vom Sextourismus noch verschont war und an dem es bei den Begegnungen mit den Einheimischen nicht nur ums Geld ging. Ich fing also an zu recherchieren und war begeistert von den Bildern und Erlebnisberichten von Krabi- Kennern.

Die Entscheidung stand fest: Wir würden die Fähre nehmen und uns an die Westküste des Indischen Ozeans begeben, nach Krabi. Aufgeregt begann ich, unser bescheidenes Hab und Gut zu sortieren und zu packen.  Die Winterkleider verschenkte ich vor der Reise einer deutschen Freundin, die mit ihren zwei Kindern an Weihnachten nach Deutschland reisen wollte.

Ich war voller Elan und unaufhaltbar. Interessant war allerdings, dass jedes Mal, wenn ich Nägel mit Köpfen machen wollte, irgendetwas dazwischenkam: Die Tickets waren ausgebucht. Das bestellte Tuktuk erschien nicht. Die Agentur, die uns die Tickets verkaufen sollte, war plötzlich zu den ungewöhnlichsten Zeiten geschlossen. Oder meine Bankkarte funktionierte nicht, als ich dann endlich bezahlen wollte.

Immer stärker regte sich in mir das Gefühl: Hier stimmt irgendetwas nicht. Ich setzte mich an den Strand und begann, dem Leben in Stille Fragen zu stellen. Was ist los? Worum geht es hier? Was weiß ich hier, was mir noch nicht bewusst ist? Ist Krabi nicht der richtige Ort für uns? Werden wir hier noch gebraucht? Wartet etwas anderes auf uns, wonach ich noch gar nicht gefragt habe? Ist jetzt der richtige Zeitpunkt für einen Umzug nach Krabi? Bei all diesen Fragen erwartete ich keine Antwort, sondern nahm lediglich die aufkommende Energie wahr. Als ich die letzte Frage nach dem Timing stellte, schoss eine Adrenalinwelle durch meinen ganzen Körper. Auch wenn uns das nie beigebracht wurde: Wir haben energetisch Zugang zu unserer Zukunft. In diesem Moment wurde mir klar, dass es einen Grund gab, den ich jetzt noch nicht erkennen konnte, der mir aber unmissverständlich signalisierte, dass jetzt nicht der richtige Zeitpunkt für eine Umsiedlung nach Krabi war. Staunend nahm ich es zur Kenntnis und beschloss, zwei Wochen abzuwarten und dann noch einmal zu fragen.

Ein zweites Mal fragen musste ich allerdings nicht: Am 26. Dezember riss mich ein Anruf früh morgens aus dem Bett. Ich sah eine französische Nummer auf dem Display. Ein Freund, der sehr besorgt klang, wollte wissen, ob wir noch lebten. Es dauerte einen Moment, bis ich die Tragweite seiner Aufregung verstand. Ein Erdbeben der Stärke 9,1 mit dem Epizentrum nicht weit von uns entfernt hatte mehrere Tsunami-Wellen ausgelöst. Tausende Tote und Vermisste wurden gemeldet, und die Zahlen stiegen stündlich. Als ich mir kurz darauf die entsetzlichen Bilder anschaute, weinte ich Tränen der Dankbarkeit. Genau dort wären wir jetzt gewesen, wenn wir nach Krabi umgezogen wären. Und höchstwahrscheinlich nicht mehr am Leben. Ich war dankbar, meiner Wahrnehmung Gehör geschenkt zu haben.

Auch wenn wir oft nicht wissen, warum, wissen wir doch sehr viel mehr, als wir meinen.

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